Christen und Corona – Was wir über Glauben lernen können (1)

Die COVID-19-Pandemie hat das Leben auf der ganzen Welt ziemlich durcheinander gebracht. Das organisierte Christentum in Österreich war auch keine Ausnahme. Grundsätzlich konnten sich gläubige Menschen zwischen zwei alternativen Sichtweisen entscheiden, oder sich irgendwo dazwischen positionieren:

  • Der Glaube und die dazu gehörenden Handlungen (Beten, Gottesdienst, …) schützen vor negativen Konsequenzen, man kann also in diesem Bereich frei agieren.
  • Die Maßnahmen gegen die Übertragung sind vernünftig, man hält sich daran und trifft keine anderen Leute, auch wenn es die Religionsausübung einschränkt.

Die erste Option konnten wir in Mitteleuropa nur bei wenigen Splittergruppen beobachten, die während des Lockdowns verbotene Gottesdienste feierten, oder sich später nicht an die Vorgaben (Maske, Abstand, …) hielten. Häufig ist es gut gegangen, weil die Anzahl der ansteckenden Personen in der Gesamtbevölkerung relativ klein war, und je fundamentalistischer eine Gruppe ist, desto weniger Kontakte nach außen unterhält sie. Manchmal kam es jedoch zu einem Infektionscluster, oder die illegalen Handlungen wurden bestraft. Beide Folgen passen mit der zugrunde liegenden Annahme, ein Gottesdienst schütze vor negativen Konsequenzen, nicht zusammen.

Die großen Kirchen in Österreich haben sich für die zweite Option entschieden, und damit anerkannt, dass ein Gottesdienst in die gleiche Kategorie fällt wie ein Konzert oder ein Eishockey-Match: Menschen kommen sich nah und können sich anstecken. Wären die Vertreter sich wirklich sicher gewesen, dass religiöse Handlungen vor einer Übertragung schützen, hätten sie sie selbstbewusst praktiziert (wie es fundamentalistische Christen, orthodoxe Juden und Moslems in Asien durchaus getan haben). Stattdessen verhandelten sie mit staatlichen Autoritäten über die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten fürs Weitermachen.

Natürlich gab es wie in jeder größeren Organisation Mitglieder, die alternative Meinungen vertraten, und in diesem Fall die vernünftige Lösung in Frage stellten. Das waren zum Beispiel Äußerungen wie:

  • Gottesdienste seien Systemrelevant: Stellen wir uns kurz vor, wie schnell das Leben einer durchschnittlichen Familie in Österreich ohne Tankstellen, öffentlichen Verkehr und Supermärkte kritisch wird. Dem gegenüber steht ein (zweifellos vorhandenes) Mangelgefühl bei 10-20 % der Bevölkerung, die noch regelmäßig Gottesdienste besuchen, und für die in den Massenmedien Gottesdienste übertragen werden. De facto wurde hier ein gerade populärer Begriff willkürlich, aus Wunschdenken, ohne den Versuch einer vernünftigen Argumentation übernommen. (Wir sehen öfter, dass religiöse Organisationen versuchen, sich an Modebegriffe anzuhängen.)

  • Einschränkungen bei Gottesdiensten seien Eingriffe in die Religionsfreiheit: Es wurden jedoch nicht Gottesdienste speziell verboten, sondern öffentliche Versammlungen in Gebäuden, deren Unterkategorie religiöse Gruppenhandlungen nun mal sind. Außerdem wurden nicht einmal die Gottesdienste selbst verboten, sondern nur ihr Besuch durchs Publikum. Manche Freikirche z. B., die bereits (zumindest organisatorisch und mit ihrer IT) im 21. Jahrhundert angekommen ist, konnte innerhalb einer Woche ihren Gottesdienst von persönlichem Treffen auf eine Live-Übertragung bzw. den Zusammenschnitt von Videos der Zeremonieleitenden umstellen und damit die meisten ihrer Mitglieder erreichen. Wenn die älteste und größte christliche Organisation Österreichs, die sogar Zugriff auf staatliche Meldedaten hat und von der Allgemeinheit mitfinanziert wird, das nicht schafft, ist das Problem vielleicht doch eher selbstgemacht.

  • In diesem Zusammenhang wurde von TheologInnen auch von „noch nie“ oder „beispiellos“ gesprochen, wenn es um das Verbot des Besuchs von Gottesdiensten ging. Diese Leute hätten vielleicht fünf Minuten in die Recherche der Geschichte investieren sollen: Bei Pestepidemien war das Verbot von Gottesdiensten nämlich ein übliches Vorgehen: z. B. Venedig im 15. Jh., der Vatikan selbst im 17. Jh., und auch das Habsburgerreich im 18. Jahrhundert. Leider sind TheologInnen gewohnt, ihre Äußerungen nicht belegen zu müssen, weil unkritische Medien sie nie einer Faktenprüfung unterziehen.

Woher kommt COVID-19?

Diese Frage konnte die Wissenschaft noch nicht abschließend beantworten, in dem Sinne, dass die Übertragung von einem Tier auf einen konkreten Menschen belegt worden wäre. Wir wissen jedoch, dass solche Viren in verschiedenen Tierarten existieren, regelmäßig auf Menschen überspringen, und dann auch zwischen Menschen übertragbar sind. Die Evidenz für diese Abfolge von Ereignissen mit den bekannten Mechanismen ist so groß, dass andere Behauptungen über den Ursprung der Pandemie sehr gut argumentiert sein müssten.

Die angepassteren Teile der größeren Kirchen in Österreich haben sich auch hinter diese Erklärung gestellt. Das „unfehlbare“ Oberhaupt aller Katholiken glaubt auch an natürliche Ursachen. Trotzdem kommen auch von Katholiken und aus anderen christlichen Richtungen andere „Erklärungen“ wie Strafe Gottes, der Gegen-Gott Satan, böse Dämonen, oder „Gott hat die Pandemie zugelassen“. Die Strafe bezieht sich dann angeblich auf jene Sünden, die die betreffende Person immer schon am liebsten angeprangert hat: Schwangerschaftsabbruch, Unglauben, Homosexualität, Sex vor der Ehe, und andere ganz normale Dinge, die Christen seit fast 2000 Jahren anderen Menschen verbieten wollen.

Die Bibel hilft in dieser Frage nicht weiter. Wie üblich kann man damit alles und auch sein Gegenteil „erklären“ (das können TheologInnen in den Kommentaren gerne vertiefen). Im ersten Teil, dem mit den Völkermorden und anderen Horrormärchen, verwendet Gott Seuchen als Strafen, oder lässt den Teufel eine Krankheit verursachen. Im zweiten Teil sind Krankheiten plötzlich Dämonen, die einzelne Menschen befallen, und einzeln ausgetrieben werden. (Während die Vielzahl anderer Menschen, die an der selben Krankheit leiden, ignoriert wird.)

Wir stellen also fest: Nur weil sich verschiedene Gruppen als Christen bezeichnen und einen gemeinsamen Text als Grundlage ihrer Religion betrachten, kommen sie in grundlegenden Fragen nicht zu gemeinsamen Schlussfolgerungen.

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