Unser bester Mann in Köln

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Wir AtheistInnen wissen schon lang, dass Religionsführer (ganz selten -innen) sowie religöse „Lehren“ und Ereignisse zu unseren besten Rekrutierungsmitteln gehören. Die meisten Mitglieder-Anmeldungen an einem einzigen Tag in der Geschichte des Vereins bekamen wir im Dezember 2020 nach der Ankündigung des Gebetsfrühstücksabends im Österreichischen Parlament. Und auch wenn nicht alle Menschen, die aus ihrer Kirche austreten, gleich AtheistInnen werden, ist damit jedes Mal ein neuer Grundstein gelegt. Weniger Mittel für die Kirchen, weniger politische Repräsentation, weniger indoktrinierte und als gläubig sozialisierte Kinder.

Ein massiver Treiber von Kirchenaustritten sind (neben Geschichten über goldene Toiletten in Bischofssitzen) schon sehr lang die in der katholischen und vielen anderen Religionsgemeinschaften praktizierte sexuelle Gewalt an Kindern und ihre systematische Vertuschung. Katholische Missbrauchsskandale steigern in Deutschland sogar die Anzahl der Austritte aus der evangelischen Kirche. Der Kontrast zwischen der Scheußlichkeit dieser Verbrechen und der Eigendarstellung als saubere Moralhüter im Besitz der ewigen Wahrheit ist so groß und offensichtlich, dass die Glaubwürdigkeit nicht nur leidet, sondern sich vollständig zerstört.  Männer, die noch nie einvernehmlichen Sex mit einer anderen Person hatten, aber glauben, darüber Ratschläge erteilen zu müssen, sollen darüber urteilen, wie den Interessen der Opfer am besten entsprochen werden kann und die Täter am besten von zukünftigen Opfern freigehalten werden.

Bei der Aufarbeitung dieser Verbrechen könnten die Kirchen als große, sich für professionell haltende Organisationen konsequent und professionell vorgehen, wenn sie dazu in der Lage wären. Ihr Problem ist jedoch, dass sie ihre Führungskräfte nicht nach Organisations- und Führungskompetenzen auswählen, sondern nach internen religösen Kriterien. Das Studium erfundener Dinge befähigt jedoch nicht bis ganz wenig zur Führung eines Unternehmens mit Milliardenumsatz (in Deutschland) oder dreistelligem Millionenumsatz (in Österreich).

Dogmen (zwingende, unveränderliche Glaubensinhalte) und die einseitige Orientierung an Interessen der Organisation (es soll nur nichts Schlimmes in den Medien stehen) machen einen vernünftigen Umgang mit der Wahrheit und der Wirklichkeit schwierig, das Leid der Opfer und die Wichtigkeit der Prävention treten in den Hintergrund. Das stellen die von den Diözesen beauftragten Gutachter regelmäßig fest (und die kritische Öffentlichkeit weiß es längst).

Beispiele für die organisierte Unfähigkeit im katholischen Bereich gibt es viele. Komplett ungeeignete Männer werden mit – für sie – viel zu großen Aufgaben betraut, und scheitern daran spektakulär. Das war lange Zeit kein Problem, es gab genug Versorgungsposten und notfalls Klöster, in denen die größten Versager aus dem Licht der Öffentlichkeit untergebracht werden konnten. Manchmal sind die Probleme jedoch so groß und unüberschaubar, dass niemand anderer sich für ihre Beseitigung findet, oder die „von Gott eingesetzte“ Obrigkeit meint, dass der Verursacher sie selbst aufräumen soll.

Kardinal Rainer Maria Woelki ist ein weit über die Grenzen seines Bistums Köln bekannter Vertreter dieser systematischen, vielleicht nicht einmal selbst verschuldeten Inkompetenz. Richtig berüchtigt wurde er, als er ein erstes Gutachten über sexuellen Missbrauch im Bistum in Auftrag gab, dieses nach der Fertigstellung aber nicht veröffentlichen wollte, wegen angeblicher methodischer Mängel der renommierten Anwaltskanzlei, die mehrere solche Gutachten für andere angefertigt hat. Damit begann eine beispiellose Austrittswelle in Köln und ganz Deutschland, was im (eines Rechtstaats komplett unwürdigen) System bedeutet, dass Leute monatelang auf Termine bei überlasteten Behörden warten oder gar keine bekommen. In Deutschland leben zu jedem gegebenen Zeitpunkt zehntausende Menschen, die aus ihrer Kirche austreten wollen, es aber wegen dieser Ineffizienz noch nicht können. Das ist keine gute PR. Aber so kommen doch noch Millionen an Kirchenbeiträgen von unfreiwilligen „Kunden“ ein.

Das zweite Gutachten ließ etwas auf sich warten, aber im März 2021 erschien es. Woelki wurden darin keine Pflichtverletzungen nachgewiesen, sehr wohl aber seinen Vorgängern und Mitarbeitern. In der öffentlichen Diskussion wurde trotzdem auch sein Rücktritt verlangt. Nach einer „apostolischen Visitation“ aus dem Vatikan stellte auch deren Bericht fest, dass er zwar an Missbrauch und Vertuschung unschuldig sei, aber große Fehler in der Kommunikation gemacht hat. Da dies für die Kirche ein wesentlich wichtigerer Faktor ist, wurde er – angeblich auf eigenen Wunsch, in Wirklichkeit aber vom Papst angeordnet – auf eine „geistliche Auszeit“ geschickt. Diese Auszeit verbrachte Woelki nicht etwa in Kommunikations- oder Managementkursen, sondern mit „Exerzitien„, und dann mit „sich in Nachbarländern über deren Wege der Seelsorge informieren und sich für soziale Projekte einsetzen“. Wir wissen ja, dass das nicht der richtige Weg ist, nach einer Krise eine Management-Position erneut zu besetzen, aber ihm sagt es wohl niemand, auf den er hören würde. Anfang März 2022 trat er sein Amt in Köln wieder an – bot aber gleichzeitig seinen Rücktritt an.

Kurze Zeit später ein neuer Skandal: Woelki wollte eine katholische Hochschule in Köln etablieren, als Konkurrenz zur bestehenden theologischen Fakultät an der nah gelegenen Universität Bonn, mit der er mehrfach in Konflikt geriet. Die Mittel dafür hätten ausschließlich über externe Unterstützungen, nicht aus Mitteln der Kirchensteuer kommen sollen. Völlig unerwartet (für Woelki, nicht für alle anderen) haben sich aber kaum Spender für noch eine theologische Hochschule gefunden. Es fehlen Millionen Euro für jedes der nächsten Jahre.

Aber die katholische Kirche wäre nicht die katholische Kirche, wenn sie nicht immer noch einen neuen Weg fände, die Dinge unnötig zu verkomplizieren. Wo Woelki endlich zu einer klaren Position gefunden hat, lässt Papst Franziskus die Lage weiter in der Schwebe. Statt den Gläubigen in Köln und in ganz Deutschland endlich deutlich zu machen, ob er Woelki nun behalten oder loswerden will, verfällt Franziskus wieder ins Lavieren und will erst „zu gegebener Zeit“ über Woelkis Rücktrittsgesuch urteilen. Der oberste Entscheider der Weltkirche, er scheint nichts so sehr zu fürchten wie Entscheidungen. So maximiert er den Schaden für die Kirche ein weiteres Mal.

Ja, Franziskus steckt im Dilemma: Lässt er den Kölner Kardinal fallen, wirkt er erpressbar, und die gesamte Kirche gleich mit. Den Eindruck, die Autorität kirchlicher Amtsträger sei von den Vorlieben der öffentlichen Meinung abhängig, muss der Vatikan um jeden Preis vermeiden, will er das Bischofsamt nicht zum verhandelbaren Politposten herabwürdigen.

Dem gegenüber steht aber das schlichte Faktum, dass es so in Köln nicht weitergehen kann: Wenn ein Erzbischof sich nicht mehr öffentlich blicken lassen kann, ohne von allen Seiten Proteste fürchten zu müssen, liegt auf seiner Amtsführung ersichtlich kein Segen mehr.

Daher fällt es uns auch leicht, wenngleich es zunächst ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rainer Maria Kardinal Woelki, dem Mitglied des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz, Vorsitzendenm der Kommission für Wissenschaft und Kultur, Stellvertretenden Vorsitzenden der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste, Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Mitglied der Gemeinsamen Konferenz der Deutschen Bischofskonferenz, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der Kongregation für den Klerus, der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls, der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, Großkanzler der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, Träger des Karnevals-Orden des Kölner Oberbürgermeisters, Ehrendoktor der Sophia-Universität in Tokio und Reinhard Kardinal Marx, dem Mitglied im Päpstlichen Rat für die Laien, in der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, im Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden, der Kongregation für die orientalischen Kirchen, des Päpstlichen Wirtschaftsratssekretariat und dessen Kardinal-Koordinator, ehemaligem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz, Vorsitzenden der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, der Fondazione Centesimus Annus Pro Pontifice, des Verbands der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine Unitas e.V. (W.K.St.V. Unitas Hathumar zu Paderborn, W.K.St.V. Unitas Winfridia Münster und W.K.St.V. Unitas München), der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Geseke 1412, Ehrenmitglied mehrerer Studentenverbindungen des CV (K.D.St.V. Angrivaria Dortmund, KDStV Aenania München, KAV Capitolina Rom) und KV (K.St.V. Ostmark-Beuthen Paderborn[69], K.S.St.V. Alemannia München), ehemaligen Mitglied der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung, Mitglied des Bundesligisten Borussia Dortmund, des Traditionsvereins Eintracht Trier, dem Gründer der gemeinnützigen Stiftung Spes et Salus, Prokurator der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Geseke 1412 e.V., Beinahe-Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes, Träger des Maju-Medienpreis, des Franz-Weißebach-Preises, der Peter-Altmeier-Medaille, der Corine, des Preises Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V, der Bayerischen Verfassungsmedaille in Gold, des Bayerischen Verdienstordens, der Alexander-Rüstow-Plakette der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, des Ökumenischen Preises der Katholischen Akademie Bayern, des Augsburger Friedenspreis, des Ehrenbürger der Stadt Geseke, der Ehrendoktorwürde des Institut Catholique de Paris und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar war.

Zum Schluss zählte das, was ein Mensch überhaupt noch tragen und ertragen kann, und daher entschieden wir uns für den Träger von weniger Auszeichnungen, jedoch erheblich mehr Potentials dafür, den Menschen ein Musterbeispiel an Unglaubwürdigkeit zu sein.

Ehrenurkunde: AÖ sprechen Kardinal Woelki Anerkennung aus
Ehrenurkunde: Atheisten Österreich sprechen Kardinal Woelki ihren Dank und Anerkennung aus

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peter

klasse geschrieben

Informationelle Selbstbestimmung

Als bekennender Agnostiker störe ich mich grundsätzlich an der Bezeichnung „Atheisten“ und der Praxis, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden.
Mir ist zwar klar, dass mangelnde Bildung in erster Linie dafür verantwortlich zu machen ist, wenn der Normalverbraucher da keinen Unterschied sieht bzw. mit dem Wort selbst nichts anzufangen weiß.

Dennoch ist es ein durchaus wesentlicher Unterschied.
Ein paar klärende Worte an passender Stelle der Webseite wären sehr angebracht.

Balázs

Wer wirft Sie mit wem in einen Topf? Unsere Definition von „AtheistIn“ ist: Eine Person, die nicht an GöttInnen glaubt. Glauben Sie an GöttInnen? Wenn ja, sind Sie kein Atheist. Wenn nicht, sind Sie es, soweit es uns betrifft. Es gibt keine gesetzlich gültige Definition, Sie können sich so nennen, wie Sie möchten. Das hat mit „ich weiß, dass es keine GöttInnen gibt“ oder „ich kann es beweisen“ nichts zu tun. Tut mir leid, wenn Sie sich auf der Webseite der „Atheisten Österreich“ sich vom selbst gewählten Namen dieser Gruppe „grundsätzlich“ „stören“. Uns mangelnde Bildung vorzuwerfen ist ein starkes Stück… Weiterlesen »

Thomas

Ich verstehe den Kommentar ehrlich gesagt nicht. Wo werden Atheisten und Agnostiker in einen Topf geworfen? Es gibt nun einmal agnostische Atheisten/Theisten und gnostische Atheisten/Theisten. Atheist: Jemand, der nicht an Götter in jedweder Form glaubt. Agnostiker: Jemand, der davon überzeugt ist, dass die Frage zur Existenz von Gott prinzipiell nicht zu klären ist. Agnostizismus wird gerne, wohl aufgrund mangelnder Bildung, mit einem „Ich weiß es nicht“ verwechselt. Man sieht sich also in der Mitte zwischen Theisten und Atheisten. Das aber hat mit Agnostizismus nichts zu tun. Die Kernaussage des Agnostizismus ist: Niemand kann es jemals wissen. Die Frage ist nicht… Weiterlesen »

Last edited 3 Monate zuvor by Thomas
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